Joachim Goldbeck: „Wir brauchen viel mehr kreative Ideen“

Bewerten Sie die Chancen der Solarwirtschaft für ein Industrieland wie Deutschland?

Joachim Goldbeck: Wir müssen hier bei uns in Deutschland die Produkte und Lösungen der Solarindustrie zur Anwendung bringen und entwickeln. Wenn wir hier die notwendigen Erfahrungen gesammelt haben, können wir sie ins Ausland verkaufen. Die Chancen sind enorm.

Welche Trends unterstützen die solare Energiewende?

Hier gibt es drei Haupttrends. Zuerst gibt es einen wachsenden Strombedarf durch Sektorkopplung. Gleichzeitig müssen veraltete Atom- und Kohlekraftwerke aus politischen und wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet werden. Aus diesen beiden Trends ergibt sich eine Stromlücke. In diese stößt der dritte Trend, nämlich die in den vergangenen Jahren sehr deutlich gesunkenen Preise für Photovoltaik. Dadurch ist der Gegenwind aus der Bevölkerung und anderen Teilen der Wirtschaft abgeebbt. In dieser Melange hat Solarenergie heute den höchsten Zuspruch in der Bevölkerung. Weltweit wird die Photovoltaik zur wichtigsten Säule der Energieversorgung. Mit der Kombination von Sonnenstrom, Windkraft und Speichern kann man sogar Dunkelflauten begegnen. Die Solarthermie kann in der Wärmeversorgung sehr große Beiträge leisten, auf Privathäusern sowieso und inzwischen auch in der Fernwärme.

Braucht die Photovoltaik noch finanzielle Förderung durch den Staat?

Große Solarkraftwerke lassen sich bereits ohne Förderung bauen und betreiben. Der Zubau bei den großen Solarparks auf der freien Fläche wird also eigenständig vorangehen. Immer mehr Unternehmen, Banken und Fonds wollen ihre Energieversorgung von Emissionen befreien, indem sie den Sonnenstrom direkt vom Anlagenbetreiber kaufen. Da entsteht eine Dynamik auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene, die ich sehr positiv sehe. Allerdings ist es notwendig, bei uns in Deutschland die Beschränkungen für die verfügbaren Flächen aufzuheben. Auch dass die Ausschreibungen auf maximal zehn Megawatt beschränkt sind, ist nicht mehr zeitgemäß.

Warum nicht?

Wir müssen viel mehr Photovoltaik zubauen, als bislang geplant. Zwar wurde der 52-Gigawatt-Deckel aufgehoben und es wurde ein Zielwert von 98 Gigawatt bis 2030 genannt. Doch auch diese Solarleistung wird bei weitem nicht ausreichen, die drohende Stromlücke zu decken. Elektrischer Strom wird in der Versorgung mit gewerblicher Wärme und Kälte und in der Klimatisierung eine wachsende Rolle spielen. Hinzu kommen die steigenden Zulassungen bei den E-Autos. Wir rechnen mit 162 Gigawatt Leistungsbedarf bis 2030. Also müssten wir im Jahr mindestens zehn Gigawatt zubauen, nicht nur fünf Gigawatt.

Was folgt daraus?

Wir müssen die Flächenkulisse für Freilandanlagen öffnen und die Genehmigungsverfahren vereinfachen. Der jährliche Zubaukorridor, der die Einspeisevergütung bestimmt, muss entsprechend erhöht werden. Der Eigenverbrauch ist von der EEG-Umlage zu entlasten, ebenso der solare Mieterstrom in den Städten und im Gewerbe. Mieter müssen ja weiterhin die volle EEG-Umlage zahlen. Auch der Handel mit Solarstrom muss einfacher werden, um Sonnenstrom in der Nachbarschaft oder innerhalb eines Gewerbegebiets zu verkaufen.

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Das würde völlig neue Geschäftsmodelle erlauben …

Darum geht es. Man könnte virtuelle Strombanken aufbauen, die den Solarstrom von vielen Lieferanten in großen örtlichen Batteriespeichern sammeln. Dazu müsste man eine doppelte EEG-Umlage auf eingespeicherten und ausgespeicherten Strom abschaffen. Das gilt übrigens auch für E-Autos, die bald rückspeisefähig sind. Juristische Hürden behindern Speicher, die an der Primärregelung teilnehmen wollen und dann nicht mehr für die Notstromversorgung genutzt werden dürfen. Wir brauchen viel mehr Freiraum für solche kreativen Ideen, wenn die deutsche Industrie von der weltweiten Energiewende profitieren will.

Sie erwähnten den Wärmesektor. Was müsste dort getan werden, um die Chancen zu nutzen?

Der Austausch von Ölheizungen wurde beschlossen, das ist ein wichtiges Signal. Auch den Einstieg in die Bepreisung von Kohlendioxid sehe ich positiv, auch wenn der Preis viel zu niedrig angesetzt wurde. Wichtig ist die steuerliche Absetzbarkeit von Maßnahmen zur Gebäudesanierung, davon dürfte auch die Solarthermie profitieren.

Welche Motivation treibt Sie, sich immer wieder neu in die politischen Auseinandersetzungen zu begeben?

Ich habe 1998 in der Solarbranche angefangen. Schon damals war ich von der Technologie überzeugt. Ich hatte und habe große Hoffnungen in unsere Branche. Denn ich habe gesehen, wie schnell sich die Photovoltaik entwickelt hat. Wir sind jetzt bereits bei Preisen angelangt, die wir in früheren Studien erst 2040 oder 2050 für möglich gehalten haben. Wir sind mitten drin im Tornado des gesellschaftlichen Umbruchs, der die Welt ein Stück besser machen wird. Das motiviert mich enorm und begeistert mich nach wie vor.

Das Gespräch führte Heiko Schwarzburger.

Sonnenstrom ist Solidarstrom: Hier finden Sie viele andere Statements zur solaren Energiewende und den Chancen für Deutschland.

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Quelle: Photovoltaik.eu

Dieser Artikel wurde erstellt von: ET-News



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